Sardinien im November – Sommer tanken vor dem Winter

von Christian Zottl

Unser Urlaubstermin stand schon lange fest, nur das Reiseziel hielten wir uns bis zuletzt offen. Wo könnte man im November – in dieser Zwischenjahreszeit – noch gut Urlaub machen? Noch etwas Sommer-Sonne tanken vor dem Winter? Immer wieder hatten wir an Flugreisen ins Warme gedacht. Kanarische Inseln zum Beispiel. Aber mit zwei Kindern werden Flugreisen, trotz der Sonderangebote, schon von Grund auf etwas kostspielig, zuzüglich der Übernachtungskosten und ggf. eingeschränkter Mobilität vor Ort. Dann doch lieber mit dem VW-Bus losfahren, flexibel bleiben und die Unterkunft schon inklusive dabei haben. Also warten – bis der Wetterbericht zuverlässig wird.

Der Wetterbericht zeigte für Sardinien 10 Tage Traumwetter (zugegeben sinkt die Zuverlässigkeit bei Wetterprognosen nach 3-4 Tagen ja rapide, aber die vielen Sonnen auf der Wetter-App und durchschnittliche Temperaturen um die 25 Grad haben Eindruck hinterlassen). Vor 7 Jahren waren wir als Paar schon mal sehr positiv von Sardinien angetan und in letzter Zeit sind viele unserer Freunde und Verwandte, ebenfalls zu wahren Sardinien-Fans geworden (siehe auch life4five). Kein Wunder, bei der Mischung: farbenfrohes Meer, Traumstrände und -buchten, mediterrane Küche, aber auch Berge, Felsträume und jenseits der Tourismusknoten der Charme von dünn besiedelten, kargen Landstrichen, einer ebenso prähistorisch interessanten Insel.Processed with VSCO with a6 preset


Fakten im Überblick:

Anfahrt von München nach Livorno 720 km. (Man kann z.B. auch von Genau übersetzen. Ankunftszeiten am Morgen sollen angenehmer sein, weil die Fähre etwas länger unterwegs ist und man erst gegen 8 Uhr ankommt)

Dauer Überfahrt von Livorno ca. 8 Stunden .

Kosten: Fähre hin und zurück 450,-€ (inkl. VW-Bus und Kabine) + Benzin und Mautgebühren (ca. 200,-€). Standplätze auf Campingplätzen 15-20€.

Wetter ist im November normalerweise durchwachsen. Wir hatten eine Traumwoche! 

Wildcampen wird, insbesondere in der Nebensaison, geduldet. Zumindest hatten wir keine Probleme.

Klettern und Bouldern ist in Sardinien an vielen Orten möglich. Wir fanden die Seite www.climbingsardinia.com sehr hilfreich. Außerdem zum Bouldern die Topos von La Sportiva:

Baden im Meer war durchaus noch möglich.


Wir fuhren jeweils nachts von Livorno (Toskana) nach Olbia (Sardinien) und zurück. 22 Uhr ging‘s los, 7 Uhr kommt man in Sardinien an und umgekehrt ähnlich. 

Wir konnten uns noch daran erinnern, dass vor 7 Jahren sehr viele Passagiere auf den Gängen, sprich mit der Isomatte auf dem Boden übernachteten. Aber willst Du das mit zwei kleinen Kindern wirklich machen? Wir vorerst nicht, auch wenn es auf der Fähre dann genügend Familien gab, die das so lösten. Vielleicht beim nächsten Mal.

Wir haben jeweils auf dem Hin- und Heimweg noch einen Stopp am Gardasee, genauer in Arco, gemacht. Beine vertreten, italienische Küche genießen, den ersten italienischen Cappuccino trinken und in den mittlerweile noch zahlreicher gewordenen Bergsportläden nach Schnäppchen suchen (ist leider nicht mehr so das Schnäppchen-Paradies wie früher).

Und um es vorweg zu nehmen, der Weg hat sich sowas von ausgezahlt. Der Wetterbericht hat gehalten was er versprochen hat. Wir konnten im Meer baden, die Sonne genießen, Wandern und Bouldern. Als wir vor sieben Jahren, es muss Juni gewesen sein, auf der Insel waren, hatten wir im Durchschnitt um die 40 Grad. Spitze waren 45 Grad. Die ganze Insel brannte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Waldbrände apokalyptischen Ausmaßes, deren Rauchwolken den Himmel verdunkelten. Eigentlich war es damals nur im Meer gut auszuhalten. Ganz anders diesen November: 25 Grad, Sonne satt, eine leichte Brise. Super! Außerdem touristisch so gut wie nix los. Gut, zum Teil konnten wir nicht mal eine offene Pizzeria finden, weil wirklich alles zu hatte und manche Ortschaften  waren wie ausgestorben. Aber uns gefiel gerade das. Wir kochten fast alles selber und das Wildcampen wird in dieser Zeit wohl auch eher geduldet als in der Hauptsaison. Perfekte Zeit für uns!


Überblick über unsere Stationen

Capo Testa: Halbinsel im Norden, nahe St. Theresa, mit Leuchtturm und Blick auf Korsika. Bei unserer ersten kleinen Wanderung staunten wir nicht nur über die unglaublichen Felsformationen und die traumhaften Buchten, sondern machten auch gleich Bekanntschaft mit der Fauna Sardiniens: einer ca. 1,5m lange Schlange (sind auf Sardinien laut unserem Reiseführer ungefährlich), eine kleine (sehr süße) Landschildkröte, ziemliche wilde Ziegen und einen angriffslustigen Oktopus (kam immer wieder fast bis an den Strand und wollte uns anscheinend vertreiben).


„La Cerra“, liegt etwas 50km südlich im Landesinneren und ist ein „Agriturismo“ Betrieb. Das heißt eine Mischung aus Landwirtschaft, B&B, Campingplatz und Restaurant. Alberto, der Besitzer und Betreiber, hat sich hier in den 80’er Jahren niedergelassen und das Angebot Stück für Stück ausgebaut. Der Camping-Bereich liegt traumhaft schön, terrassenförmig in einen alten Korkeichenwald, umgeben von Hügeln und Felsformationen und ist erst in diesem Jahr eröffnet worden. Alles ist noch ganz neu, zum Teil auch noch nicht ganz fertig, aber sehr schön angelegt. Leider hatte das Restaurant schon zu, als wir dort ankamen. Dafür hatten wir den Platz fast für uns alleine. img_3519Nur ein Pärchen aus Österreich und später eine Familie aus Ulm ersparten uns die völlige Einsamkeit. Das war richtig nett und die Mädels hatten nicht nur die zum Anwesen gehörenden drei Hunde zum Spielen (wobei sie sich an Hunde erstmal gewöhnen mussten), sondern auch noch eine menschliche Spielgefährtin.

Auf „La Cerra“ sind wir wegen des Boulderns gestoßen. Es gibt von „La Sportiva“ einen Topoführer in dem „La Cerra“ erwähnt wird, weil es hier in unmittelbarer Nähe und nur 5 Min. mit dem Auto mehrere Boulderfelsen gibt.

Processed with VSCO with a6 preset

Alberto verleiht kostenlos Crash Pads (Bouldermatten). Der Ort ist ein Traum. Wir haben uns sehr, sehr wohl gefühlt. Das zweite große Highlight!

Processed with VSCO with a6 preset


Cala Gonone liegt ca. 150km weiter südlich, hinter einer kleinen Bergkette versteckt und ist deshalb nur durch einen Tunnel zu erreichen, an der Ostküste. Es wurde uns mehr oder weniger von der ebenfalls kletterbegeisterten Familie aus Ulm empfohlen. Der erste Eindruck vom sehr touristischen Ort war jedoch, nach der Idylle von „La Cerra“, etwas trostlos und ich wünschte mich spontan zurück in den Korkeichenwald. Außerdem wollten wir eigentlich noch etwas südlicher, zu der Felsnadel von Goloritze und eventuell noch in die Schlucht Gola Gorropu. Also gleich weiterfahren? Wir entschieden uns dem Ort noch eine zweite Chance zu geben und fuhren an der Küste entlang Richtung Süden zum Cala Fuili. Dort endet die Straße auf einer Klippe. Unterhalb mündet eine Schlucht mit ausgetrocknetem Flussbett in eine hübsche Meeresbucht. Türkisblaues Wasser, ein kleiner Strand und rundeherum dutzende Kletterrouten in den Wänden direkt am Meer. Genial. img_3982

In der Hauptsaison ist hier sicher die Hölle los. Jetzt im November ist zwar auch noch verhältnismäßig viel los, aber gut auszuhalten. Viele Kletterer, ein paar Einheimische, fast keine klassischen Touristen. Auf der Küstenstraße wird Wildcampen geduldet, solange man dezent bleibt. Eine slowenische Familie hatte auf der Straße Campingtische und Stühle aufgebaut und angefangen zu kochen. Das wurde von der lokalen Polizei nicht geduldet. Dort zu stehen und zu übernachten störte sie aber nicht. Wir erlebten dort einen wunderbar kitschigen Sonnenaufgang und startet recht früh am Morgen Richtung Cala Luna.Processed with VSCO with a6 preset


Cala Luna ist eine Bucht die nur zu Fuß oder per Boot zu erreichen ist. Im Sommer ist es eine der beliebtesten Wanderungen auf Sardinien. Zu dieser Zeit (November) trifft man längere Zeit jedoch keine Menschenseele. Wir hatten keine Kraxen dabei und kamen nur sehr langsam voran. Der Weg, der sich oberhalb der Küste durch den Macchiawald gen Süden schlängelt ist recht steinig. Es ist eine ganz schöne Wanderung, aber nach 3 Stunden (es ging gerade recht steil in eine Schlucht hinab), entschlossen wir uns, umzudrehen und lieber die Bucht von Cala Fuili noch zu genießen. Dort hatten wir dann tatsächlich für ein-zwei Stunden noch Sonne (Ostküste/Steilküste => Sonne geht im Westen unter/frühzeitig schattig!) und badeten im Meer.img_3996

Anschließend wollten wir weiter in den Süden nach Baunei fahren. Von dort aus zur Cala Goloritze laufen. Leider war die Passtrasse dorthin  wegen eines Felsrutsches gesperrt. Es hat ein wenig gedauert bis wir das herausgefunden haben. Diverse Gestikulier- und Kauderwelsch-Konversationen (wir sprechen leider kein Italienisch) mit dem Supermarktpersonal und dessen Kunden und schließlich ein Englisch sprechender Kassierer, lösten für uns das Rätsel der gesperrten Straße. Wir hätten auch irgendwie außen rum fahren können (mehrere Stunden Umweg), aber da wir generell nicht so viel Zeit in diesem Urlaub hatten, haben wir uns entschlossen eher wieder Richtung Norden und damit Olbia/Fähre zu fahren.


Dort wussten wir durch eine Empfehlung vom Camping Porto Sosalinos und der schönen Küste rund um Cala Liberotto. Der Camping-Platz wird von Schweizern geführt und erfüllt damit verbundene Klischees. Er ist sehr sauber, wirklich schön angelegt und nicht ganz billig. Da wir vom Wildcampen derart Aussichts- und Freiheitsverwöhnt waren, war der erste Eindruck auf dem Campingplatz doch wieder ernüchternd. Da der Campingplatz aber quasi komplett leer war, konnten wir uns den Stellplatz frei wählen und zahlten auch nur einen reduzierten Preis dafür. Die Sanitäreinrichtungen sind sauber, die Außenduschen zu dieser Jahreszeit luftig, aber cool. Unterhalb des Campingplatzes liegt eine schöne Süßwasserlagune, auf die man von der großzügigen Lounge aus einen tollen Blick hat. Leider hatte auch hier schon das Restaurant geschlossen, dass uns ebenfalls empfohlen wurde. Auch hier genossen wir trotzdem den Nebensaison-Effekt. Insbesondere den nächsten Vormittag ganz alleine am Strand verbringen zu können, hat eine besondere Qualität. img_4048


Etwas nördlich davon stießen wir am Nachmittag, eigentlich auf der Suche nach einer offenen Pizzeria, auf einen Traumstrand (Spiaggia sa Curcurica), wo wir, etwas geschützt im vorgelagerten Waldstreifen, aber doch direkt am Meer, mit dem Bus parken konnten. Processed with VSCO with a6 preset

Schnell unser Lager aufgebaut, unter freiem Himmel gekocht und gegessen und den restlichen Tag, wiederum fast alleine, an diesem wunderschönen Ort verbracht. In dieser Region waren die Sand-Strände zwar mit Algendünen überzogen, aber das störte uns wenig. Hatte auch was. In der Hauptsaison könnte ich mir vorstellen, wird das wohl gesäubert.img_4291


Irgendwie zog es uns aber doch wieder in den Norden. Wir verbrachten noch eine Nacht und einen Tag auf Capo Testa,20161104_1034331… fuhren dann weiter nach Portopollo, einem Windsurfer und Kiteparadies. Genossen dort nochmal geöffnete Strandbars und die abendliche Gesellschaft von einer anderen, reisenden Familie aus unserer Ecke (Rosenheim).  20161104_1419181


Last but not least, erkundeten wir auf dem Weg nach Olbia noch die Costa Smeralda und fanden auch hier einen Traumstrand, der sich auch zum Wildcampen gut geeignet hätte (trotz der vielen Verbotsschilder stand dort ein Pärchen aus Freiburg mit ihrem Bus). Insbesondere dieser als sehr exklusiv verschriene Landstrich, machte einen sehr ausgestorbenen Eindruck. Außer ein paar Gärtnern, die die Gartenanlagen der unzähligen Villen und Ferienhäusern pflegten, war hier kaum jemand anzutreffen.


Fazit: Einige Orte, an denen wir uns zu dieser Zeit im Jahr sehr wohl gefühlt haben, sind wohl in der Hauptsaison völlig überlaufen und insofern aus unserer Sicht weniger lohnenswert. Im November, bei guten Wetter, aber traumhaft!

Mit voll bepacktem Auto (sardische Lebensmittelvorräte für mindestens 3 Jahre) ging es dann, nach 8 Tagen leider schon wieder zurück. Lieber wären wir noch nach Korsika übergesetzt und danach weiter nach Barcelona und so weiter. Doch der Alltag und seine Verpflichtungen warteten schon in der Heimat. Und der Winter! Der überfiel uns schon auf dem Heimweg, auf dem Brenner.20161106_1548571

7 thoughts on “Sardinien im November – Sommer tanken vor dem Winter

      1. Nancy

        Ja! Auf jeden Fall ausrichten! Ich muss sagen, dass ich euren Blog so richtig gut finde. Gerade in dieser oft so ‘Kauft-dies-kauft-das’-Blogwelt, in der man selten so gut recherchierte oder ausführlich, sinnvoll dargelegte Posts zu lesen, sondern eher eine bloße Bilderflut zu sehen bekommt. Auch der Tourenpost und der Bericht zum Waldkindergarten-Equipment haben mir sehr gut gefallen! Topp! Danke für die Mühe!

        Liked by 1 person

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s