Bergsteigen mit Kindern: Rund um die Steirische Kalkspitze und „wie man mit Kopfschüttlern umgeht“

Die Fakten zur 4-Tages-Tour:

Wer: zwei Familien mit insgesamt 5 Kindern zwischen 5 Monaten und 5 Jahren.

Region: Niedere Tauern, Salzburger Land/Steiermark, Österreich

Anfahrt: über A10 von Salzburg, Ausfahrt Radstadt, Richtung Forstau, in Forstau geht es rechts weg zur Vogeialm (1383m) => Parkplatz, nette Gaststätte und Ausgangspunkt

Ziel: Rundweg und 3 Übernachtungen in bewirtschafteten Hütten auf dem Weg

Tag 1: 3km und 500hm bergauf zur Oberhütte (1869m, Familienbetrieb)

Tag 2: 2,5km und 500hm bergauf zur Akarscharte und 3,5 km und 400hm hinab zur Ignaz-Mattis-Hütte (1980m, Alpenverein) am Giglacher See.

Tag 3: 3,3km und 400hm bergab zur Ursprungsalm (1604m, Familienbetrieb)

Tag 4: 2,3km und 500hm bergauf zum Übergang zur Oberhütte und 3,3 km und 700hm Abstieg bis zum Parkplatz. Der Übergang, „Brotrinnl“ genannt, ist recht steil, ausgesetzt und etwas rutschig (loses Geröll). Deshalb haben wir diese Etappe nicht mit den Kindern gemacht. Ein Erwachsener ist alleine gegangen, hat das Auto geholt und hat den Rest der Gruppe von der Ursprungsalm abgeholt (Mautgebühr: 8€).


Die „Kopfschüttler“

Eigentlich fast jedes Mal, wenn wir mit unseren Kindern Bergsteigen sind, d.h. nicht nur einen Forstweg zur Hütte laufen, sondern auch auf alpinen Wanderwegen und Steigen (damit sind keine Klettersteige, sondern schmale Pfade gemeint) unterwegs sind, gibt es sehr unterschiedliche Reaktionen darauf.Die Palette reicht von selbstverständlicher Gleichgültigkeit, wohlwollender Anerkennung, verwunderten Staunen bis hin zu abschätzigen Blicken, Kopfschütteln und kritischen Kommentaren. Das ist in etwa die Palette der deutschsprachigen Reaktionen.In Patagonien sind manche Südamerikaner schier ausgerastet vor herzlichem und überschwänglichem Entzücken. Nordamerikaner haben geklatscht und uns per Handschlag zu unserer Leistung gratuliert. Israelis waren begeistert und wollten meist ein Foto mit uns und den Kindern.Deutschsprachige Touristen hingegen reagierten auch dort häufiger besorgt. „Mutig“ und „tapfer“ waren noch die wohlwollenden Anmerkungen. Aber auch da hörte man schon den kritischen Unterton heraus. „Wie kann man nur mit Kindern solche Touren machen? Unverantwortlich!“ Das sagten viele Blicke, Gesten und konnte man zwischen den Zeilen heraus hören. Wenn Eins oder gar beide Kinder gerade in ihren Kraxen weinten oder schrien, dann fühlten sich diese Kritiker sofort bestätigt. „Na, das scheint den Kindern ja großen Spaß zu machen.“ Dass Babys und Kleinkinder auch in der U-Bahn, auf dem Spielplatz oder im Supermarkt mal einen Schreianfall bekommen, spielt dann anscheinend keine Rolle mehr. Dass unsere Kinder in der Natur wesentlich ausgeglichener sind und selbst auf 9 stündigen Touren nur selten schlechte Laune bekommen haben, können diese Kritiker, die einen ja meist nur für wenige Augenblicke oder Minuten beobachten können, gar nicht wissen. Dass wir relativ erfahrene, gut ausgerüstete Bergsteiger sind, die ihre Touren gut planen und den Faktor Kind sehr bewusst mit einkalkulieren: Woher soll’s der Kopfschüttler wissen?

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Meistens ärgere ich mich über die Kopfschüttler. Vermutlich liegt das daran, dass diese Kritiker einen sehr wunden Punkt treffen. Wenn tatsächlich mal ein Unfall mit den Kindern in den Bergen passieren sollte, könnte ich es mir vermutlich nicht verzeihen.

Erst kürzlich hörte ich von einer Familie, die Urlaub in Hintertux machte und die 9-jährige Tochter rutschte auf einem Schneefeld aus, stürzte 200m über steiles Gelände ab und verletzte sich schwer. Die Eltern mussten psychologisch betreut werden.

Aber hey, statistisch gesehen passieren viel mehr Unfälle im Haushalt und im Straßenverkehr. Als erfahrener Bergsteiger, kann man Risiken bewusst einschätzen und auch minimieren. Und ein Restrisiko bleibt halt immer. Egal wo.

Vielleicht müsste ich das den Kopfschüttlern einfach häufiger sagen.


 

Tourenbericht:

Also… wir hatten jedenfalls eine sehr schöne Zeit während der vier Tage. Niemand wurde verletzt. Alle kamen heil wieder nach Hause. Zwischendrin gab es kniffelige Passagen (Aufstieg zur Akarscharte), weil steil und felsig, die wir aber im Teamwork gut meistern konnten. Gelegentlich brauchte es eine klare Ansage und die Kinder mussten auch mal an die Hand oder in die Kraxe. Alles in Allem habe ich unsere Kinder aber sehr entspannt und lustvoll Bergwandern gesehen. Wenn sie anfangen versunken vor sich hin zu singen oder voller Begeisterung ihre Entdeckungen zu präsentieren: Einfach herrlich.

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Der Übergang am zweiten Tag zum Giglacher See, über die Akarscharte (2315m), stellte die größte Herausforderung der 4 Tage dar (zumindest nachdem wir entschieden hatten, das „Brotrinnl“ mit Kindern nicht zu machen). Der zum Teil steile Aufstieg auf felsigen Steig zieht sich mit den Kindern. Manche Stellen sind mit sehr leichter und kurzer Kletterei verbunden (damit meine ich, dass man sich im felsigen Gelände auch mal mit der Hand stützen oder festhalten muss). Da mussten die Kinder an die Hand, in die Kraxe oder kurz getragen werden. Da wir aber den ganzen Tag Zeit hatten (auch das Wetter war gut vorhergesagt), konnte man sich viel Zeit lassen und alle sind gut oben angekommen. Bergpanorama wie im Bilderbuch. Im Tal sieht man schon den zweiteiligen Giglachsee mit seinen kleinen Inseln. Erinnert irgendwie an schottisches Hochland. Auch die Ignaz-Mattis-Hütte konnte man schon gut, oberhalb des Sees erkennen.

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Hinunter haben wir dann die Kinder relativ viel in der Kraxe getragen. Das lag nur zum Teil an den Wegbeschaffenheiten. Wir wollten, das Ziel vor Augen, auch selbst gerne unten ankommen. Auf dem Weg zur Ignaz-Mattis-Hütte, kommt man noch an der Giglachseehütte (1955m) vorbei. Eine Rast lohnt sich, auch wenn das Essen auf der Oberhütte etwas besser war. Als wir dann gegen 17:30 Uhr an der Ignaz-Mattis-Hütte ankamen, waren wir doch recht erschöpft, erleichtert, aber auch begeistert von der Umgebung. Die Hütte liegt einfach traumhaft über dem Giglachsee. Unglaublicher Ausblick! Leider ist das Personal der Alpenvereinshütte nicht ganz so freundlich wie auf den privaten Hütten zuvor. Aber davon sollte man sich nicht die gute Laune und das tolle Bergerlebnis verderben lassen.

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Am dritten Tag war das Wetter nicht besonders. Wir starteten früh und kamen noch relativ trocken bei der Ursprungsalm an. Man folgt einer Forststraße, immer bergab. Selbst in Wolken und Nebel gehüllt, beeindruckt die Landschaft. Angekommen an der Ansammlung von mehreren bildschönen Hütten, legten wir erstmal unsere Sachen im Lager ab und ließen dann die Zeit dieses Tages wahlweise im Bett, in der Gaststube ober bei feucht-fröhlichen Spaziergängen verstreichen. Der Hüttenwirt ist eine Seele von Mensch. Geduldig, freundlich, gerade heraus. Das Essen wirklich ausgezeichnet. Die Gamssuppe und das Gamsgulasch, ein Gedicht! Da es sehr verregnet war, hielt sich der Touristenauflauf auch in Grenzen und wir hatten diesen herrlichen Ort fast für uns alleine.

Als der Regen am Nachmittag etwas nach lies, entschloss ich mich, den  Weg über das Brotrinnl schon am dritten Tag auf mich zu nehmen, damit wir am vierten Tag schon abfahrbereit waren. Das Wetter war auch für diesen IMG_7745Tag eher schlecht prognostiziert.

Noch ein Hinweis zu Hüttenübernachtungen: wir haben jeweils im Lager mit den Kindern übernachtet. Auf der Oberhütte war dieses auch wirklich bis auf den letzten Platz (ca. 30 Betten) belegt. Das sind dann meist eher unruhige Nächte (egal ob mit oder ohne Kinder), in denen man nicht besonders viel erholsamen Schlaf bekommt. Trotzdem sollte man sich überlegen, ob das mit Babys und Kleinkindern eine gute Idee ist. In vielen Hütten kann man, wenn man früh reserviert, auch Familienzimmer buchen. Bei uns hat’s auch im Lager gut geklappt, selbst mit kleinem Baby.

Auf der Ignaz-Mattis-Hütte hatten wir das Lager unterm Dach fast für uns allein. Ein einzelner Bergsteiger, der sich schon um 20 Uhr zum Schlafen legte und irgendwann vor 5 Uhr wieder losgezogen war, hat etwas von der unruhigen Phase des Baby’s mitbekommen. Ob’s ihn wirklich gestört hat, wissen wir aber nicht…

Auf der Ursprungsalm hatten wir dann das Lager tatsächlich ganz für uns. Das war auch ganz gut so, denn unsere jüngste Teilnehmerin hatte da ihre unruhigste Nacht.

Und noch ein Hinweis: wir hatten nicht genügend Bargeld dabei. Das kann auf Hüttenwanderungen unangenehm werden, denn zu 99% kann man hier nicht mit Karte zahlen. Da wir uns auf den Hütten komplett verpflegen mussten (dafür trägt man auch weniger Gepäck), Speisen und insbesondere Getränke dort oben nicht ganz billig sind, kommt da schon ganz schön was zusammen. Wir haben als 4-köpfige Familie, all inclusive, ungefähr 120 Euro pro Tag und Nacht gebraucht. Als grober Anhaltspunkt.

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Unsere Freunde aus der Schweiz werden ganz bald auch einen Blogpost über unsere Hüttentour verfassen. Sicherlich auch noch mal spannend ihre Perspektive zu lesen, zumal sie auch ein Baby dabei hatten. Ein Blick auf ihren Blog: LiveforFive lohnt sich auf jeden Fall.

14 thoughts on “Bergsteigen mit Kindern: Rund um die Steirische Kalkspitze und „wie man mit Kopfschüttlern umgeht“

  1. Janina

    Vielen Dank für den Bericht. Ich würde auch so gerne mal wieder in die Berge – hab mich das aber mit den Kindern (fast 4 Jahre und 1 Jahr) noch nicht so richtig getraut. Wir üben aber schon mal bei uns im Schwarzwald ein bißchen am Feldberg. Habt Ihr einen Tipp für eine relativ einfache Tour mit kleinen Kindern?

    Liebe Grüße
    Janina

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  2. Some memories of ...

    Ich freu mich so sehr über diesen Beitrag, v.a., weil er von euch stammt. Das Kopfschütteln kenne ich zu gut und empfinde es hier in Australien als noch viel Schlimmer als in Deutschland, wahrscheinlich auch, weil sich viele kein Blatt vorn Mund nehmen und uneingeladen eine Predikt halten. Genau deswegen freut es mich so sehr zu wissen, dass ihr euren Kindern die Touren zutraut und sie zum Wandern ermutigt. Zwar fehlen uns hier die Alpen, aber die Wanderungen im Busch sind nichtsdestotrotz ein guter Ersatz und bieten Herausforderungen, die sowohl und Eltern, als auch unsere Kinder mit Freude und Stolz erfüllen. Ich hoffe, wir schaffen es eines Tages gemeinsam auf eine Tour. Andrea x

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    1. esther

      Hi Andrea,
      vielen Dank für die nette, positive Rückmeldung. Immer spannend was von der anderen Seite des Globus mitzubekommen 😉
      Ich dachte die Aussies wären so gechillt? Naja, selbst wenn Stereotypen meist einen wahren Kern enthalten, gibt es ja immer noch genügend Ausnahmen…
      Wie auch immer, Ihr seid herzlich eingeladen, wenn Ihr mal im Lande/Kontinent seid.

      Viele Grüße

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      1. Some memories of ...

        Hallo Christian 🙂
        Einen Stereotypen gibt es ja nicht ohne Grund, das ist wahr. Wenn man sich die Surferwerlt andschaut dann trifft es ja auch voll zu, aber leider nicht in den Staedten, wo der groesste Teil der Bevoelkerung lebt und v.a. nicht, wenn es um Erziehung und Elternsein geht (z.B.: dar in NSW laut Gesetz keine Schaukel im Kindergarten sein, wegen Verletzungsgefahr). Man sagt ja hier auch so schoen, “I wrap my children in cotton wool” und das finde ich persoenlich gar nicht gut. Umso schoener ist es dann, wenn man eben gechillte Menschen trifft. Wir waren vor zwei Monaten in Melrose (South Australia) auf einem Mountainbiketreffen und ich war sehr positiv von den Menschen dort ueberrascht. Die Kinder durften Kinder sein und wurden nicht wie aus Zucker behandelt und das bekannte Kopfschuetteln wurde plotzlich von offener Unterstuetzung und Bewunderung, sogar Ermutigung ersetzt.

        Liebe Gruesse
        Andrea

        P.S.: ich finde es toll, dass du an Esther’s Blog teilnimmst 🙂

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  3. Marietje

    Great blog post! I’m looking forward to hiking with our girls. Not as big hikes as you do, but a good day hike in the mountains (of just nature) I really can appreciate. It’s so rewarding in the end! And you get the time to really talk to eachother.

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    1. esther

      hi marietje, oh that sounds great.it really is just about being out there.moving and enjoying.no matter if little or big hikes.and oh how right you are with saying that there, we really get the time to really talk to each other. i always enjoy that so much.and a lot of our really good and needed talks as a couple and as parents we had while we were hiking.have a wonderful time out there. 🙂
      warmest greetings, esther*

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  4. aimee

    Don’t let anyone put you off with their head shaking and negativity. Our 5 year old has hiked trails since she was tiny where we live in New Zealand (and abroad when we travel) She has been skiing since she was 3.5.
    I think your four day tour sounds amazing and so perfect for families and children.
    You are well prepared and well equiped, your children could not be any safer. Accident can happen anywhere, there is no reason not to get out and have fun. Children who ski and hike and adventure are the luckiest children.
    Ignore the doubters and enjoy 🙂

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    1. esther

      hi there.thank you for your encouragment.we’re quiete used to headshakers now and those didn’t have any chance to discourage us with our hikes yet. 😉 we keep on living our adventures with our kids.and you’re so right.i also think that children who can live a life outside and join their parents adventures in nature are truly lucky…greetings to our beloved new zealand.we hiked the tongariro northern circuit in three days with 2 sleep overs in mountainhuts and we did the kepler track in 3 days.by that time we were fast and without kids, hihi.oh we enjoyed nz so much.we were there in winter, but had a really mild one.a country we often still dream of. 🙂

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  5. Tine

    Lieben Dank für diesen ehrlichen Bericht!
    Hab jetzt richtig Lust die Tour mit meinen Lieben zu gehen!
    Benötigt man an manchen Stellen eine Klettersteigausrüstung?
    Ach ja, und die “Augenverdreher” kennen wir auch all zugut….
    Liebe Grüße
    Tine

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    1. esther

      Hi Tine,
      nein, Du brauchst definitiv keine Klettersteigausrüstung. Die würde auch überhaupt nix nützen, denn es gibt keine Seilversicherungen. Es handelt sich um einen normalen Wandersteig (mittlere Schwierigkeit). Es gibt ein paar wenige Stellen, wo man mal die Hände zu Hilfe nimmt, um sicher über kurze felsige Abschnitte zu kommen.

      Viel Spaß Euch! Schreibt uns doch dann mal, ob’s Euch gefallen hat!

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  6. Pingback: Auf. Auf. Der Berg ruft – Wandern mit Kindern - Life for Five

  7. LIFE for FIVE

    Hallo ihr Lieben, ein wirklich gelungener Bericht! Und wie immer tolle Fotos!!! Bei den “Kopfschüttlern” kam mir ein kleines Schmunzeln aufs Gesicht 🙂 Ich freu mich schon auf eure Erlebnisse bei meinem Lieblingsberg 🙂

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    1. esther

      Danke liebe Tina.Hach es war schon einfach ein Träumchen da oben….und mal schauen wie’s nächste Woche aussieht 😉 liebste grüße an euch alle.

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