Klagenfurter Jubiläumsweg oder „Ungeplantes Glück“

In meinem Blog-Post zum Thema „Bergsteigen mit Kindern (Planung)“, preise ich die Tourenplanung. Dass es dann trotz guter Planung meist anders kommt als gedacht und daraus nicht nur Risiken, sondern auch ganz besondere Momente und Begegnungen entstehen können, veranschaulicht mein letztes Bergwochenende.

Zu zweit waren wir Freitagnachmittag auf dem Weg zum Zittelhaus, welches auf dem Gipfel des Großen Sonnblick (3106m), in der Goldberggruppe der Hohen Tauern, direkt an der Grenze zwischen Salzburg und Kärnten liegt.

1500 Höhenmeter vor uns, leichter Nieselregen unterbricht immer wieder die allgemeine Schwüle, der Rucksack schwer und voll bepackt. Wir werden in den nächsten zwei Tagen über Gletscher gehen, leichte Kletterpassagen in ausgesetzten Gratgelände überwinden müssen und wollen mindestens eine Nacht unter freiem Himmel verbringen. Deswegen haben wir das volle Programm an Ausrüstung dabei. Helm, Pickel, Steigeisen, 30m Halbseil, Klettergurt, Karabiner, Eisschrauben, Prusik, Isomatte, Schlafsack, Gaskocher, Essen, Wasser und was man sonst noch so normalerweise zum Bergsteigen braucht. Beide mussten wir Freitagvormittag noch arbeiten. Auf der Autobahn staute sich der Urlauberverkehr. Wir waren spät dran.

Als wir nach knapp zwei Stunden, um ca. 19 Uhr, bei der ersten bewirtschafteten Hütte, mit dem schillernden Namen „Neubau“ ankamen, war schon klar, dass wir unser eigentliches Ziel nicht mehr erreichen würden. Mir stand der Sinn schon nach Gemütlichkeit und Rast. Aber mein Tourenpartner wollte wenigstens noch bis zur nächsten Hütte aufsteigen.  Also gingen wir weiter und schlugen prompt den falschen Weg ein. Ich kannte das Gebiet zwar vom Winter, aber im Sommer sieht doch alles ganz anders aus und die Wanderwege verlaufen natürlich auch anders als die Skitourenrouten. Relativ schnell wurde klar, dass wir nicht richtig waren, aber mit einem kleinen Umweg wohl doch ans Ziel kommen würden. So passierten wir noch die vor hunderten Jahren gebaute Rampe für den Goldabbau und das „Knappenhaus“ in dem schon im Mittelalter die Goldmienen-Knappen untergebracht waren.

Der Umweg führte uns auch ganz nah an das spektakuläre Gletschertor heran. Ungeplant kamen wir somit in den Genuss von mehreren echten Sehenswürdigkeiten des Gebiets.

Allerdings schritt die Zeit immer mehr voran und die Abenddämmerung kündigte sich bereits an. Hinzu kam, dass wir zwar die Rojacher Hütte (2718m) schon am Berg über uns sehen konnten, aber der Weg dorthin zuerst nicht leicht zu finden war. Ich wäre fast schon umgedreht, als wir doch noch die Markierungen des Aufstieges entdeckten. Bei Einbruch der Dunkelheit erreichten wir endlich die gemütliche Hütte. Der nette Hüttenwirt erwartete uns schon, denn wir hatten dem Zittelhaus Bescheid gegeben und uns in der Rojacher Hütte angekündigt. Die Rojacher Hütte ist ein kleines Juwel. Die Hütte hat nur 9 Schlafplätze im Lager, eine kleine Stube mit offener Küche und ist damit so klein, dass wir im Aufstieg immer wieder gerätselt haben, ob sie wirklich bewirtschaftet sei. Sah eher aus wie eine Biwak-Schachtel auf einem Felsvorsprung. Wir waren in dieser Nacht die einzigen Gäste. Das Hüttenwirtpärchen machte uns noch zwei kühle Bier und die Gulaschsuppe warm. Herrlich! Der Hüttenwirt ist Ranger im Nationalpark und konnte viele interessante Details über die Goldgräber-Historie erzählen. Alles zusammen – ein absoluter Glückstreffer!

Am nächsten Morgen zogen wir, nach einem ausgezeichneten Frühstück und mit ebensolchen Wetterbedingungen, weiter. Nach etwa zwei Stunden und einer kurzen Gletscherpassage, erreichten wir das Zittelhaus und nach einer kleinen Rast, ging es weiter Richtung Hocharn (3254m). Wieder ein Stück den Gletscher queren und dann über den felsigen Goldzechkopf (3042m). Spätestens jetzt war auch uns klar: unsere Ausrüstung werden wir wohl zum Teil nicht unbedingt brauchen. Die Gefahr durch Gletscherspalten war aus unserer Sicht gut einzuschätzen und gering. Die Querungen in steileren Firnflanken waren alle nicht in absturzgefährdeten Gelände. Auch Steinschlag bei den leichten und jeweils kurzen Kletterpassagen konnte man durch kurzes Abwarten relativ einfach ausschließen. Wir hätten uns also auch einen Teil unseres schweren Gepäcks sparen können. Naja, Safety First!

Da unser gesamter Zeitplan schon etwas aus dem Ruder gelaufen war und wir nach wie vor länger brauchten als gedacht, planten wir nun die Nacht in der Otto-Umlauft-Biwak-Schachtel, auf halben Weg, zu verbringen. Dort trafen wir auf zwei sehr freundliche und auskunftsfreudige Geologen der Freien Universität Berlin. Da wir uns selbst schon auf dem Weg immer wieder Fragen zu den auffälligen und wunderschönen Gesteinen gestellt, aber nicht wirklich beantworten konnten, waren die Beiden das nächste Geschenk, das uns der Zufall machte. Neben Schnee schmelzen, Kleidung trocknen, Abendessen und Aussicht genießen, erfuhren wir so noch ein paar Details über die Geologie im Großglocknergebiet. Hinzu kam, dass sich abends ein recht kräftiges Gewitter über uns zusammenbraute, von dem im Wetterbericht nichts zu lesen war. Hätten wir wie geplant unter freiem Himmel übernachtet, wäre es wohl ziemlich ungemütlich geworden. So lagen wir bei Blitz, Donner und Regen, zu viert im 6-Mann-Biwak von 1973 und unterhielten uns angeregt bis spät nachts (für Bergsteiger heißt das ungefähr 22 Uhr).

An unserem letzten Morgen erwartete uns wieder schönstes Wetter. Gegen Mittag waren allerdings teils starke Gewitter und Regenschauer prognostiziert. Deswegen starteten wir um 7:30 Uhr und machten uns sozusagen auf den Heimweg. Nach 2 Tagen und insgesamt sieben 3000er, kamen wir an der Großglockner Hochalpenstraße an. Die ersten Tropfen fielen vom Himmel. Nun mussten wir nur noch eine Mitfahrgelegenheit ins Tal finden.  Selbstverständlich ist es leider nicht, dass zwei Bergsteiger dort mitgenommen werden. Aber eine sehr nette Linzerin (zumindest nach dem Autokennzeichen zu urteilen), die später von inspirierenden Winterurlauben am Baikalsee berichtete, erbarmte sich unser und fuhr uns zur Mautstation Ferleiten obwohl sie eigentlich in die andere Richtung unterwegs war. Sehr, sehr nett!!! Vielen Dank nochmal.IMG_7335

Fazit: spektakuläres, unvergessliches Bergerlebnis! Etliche ungeplante Begebenheiten haben ihren wesentlichen Beitrag dazu geleistet.

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