Bergsteigen mit Kindern (Planung)

In den nächsten Wochen planen wir mehrere mehrtägige Bergtouren mit unseren Kindern. Einmal zusammen mit einer befreundeten Familie und deren drei Kindern aus Bern, und einmal mit einem befreundeten Pärchen aus Berlin.

Was muss ich bei der Planung von Bergtouren mit Kindern beachten?

Gleich vorab ein Bekenntnis: Ich liebe Tourenplanung! Hört sich trocken an? Im Gegenteil! Tourenplanung ist ein individueller, intuitiver, kreativer, dynamischer, möglichst aber auch ein systematischer, und mit steigenden Risiken auch ein professioneller Prozess. Es gibt dabei vom „Basd scho“ Typen bis zum zwanghaften Minutiösplaner alle möglichen Zwischentypen. Es ist wie ein Puzzel, bei dem sich die einzelnen Teile immer wieder ändern können. Man muss Vieles antizipieren, flexibel bleiben, auf veränderte Bedingungen reagieren und die eigenen Annahmen immer wieder in Frage stellen. Man nennt das „rollende Planung“. Zuhause am Computer und auf der Karte sieht Alles nochmal anders aus, als vor Ort. Das Wetter kann sich ändern, die Beschaffenheit der Wege ganz unterschiedlich sein, die Konstitution der Gruppe sich verändern. Tourenplanung ist ein ganz zentraler, spannender und sehr verantwortungsvoller Teil von Bergsport.20150802_145105

Man muss keinen Extrembergsport betreiben, um in den Bergen in heikle Situationen geraten zu können. Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, Unterschätzung von Risiken der Bergwelt und des Wetters, können schnell unangenehm bis lebensgefährlich werden. Gerade wenn man Bergtouren mit Kindern plant, sollte man sich dessen bewusst sein, bedacht, sorgfältig und defensiv planen. Eine gute Planung kann wesentlich dazu beitragen, dass sich auf der Tour Alle möglichst wohl und auch sicher fühlen und dadurch das Bergerlebnis auch vollends genießen können.

Welche grundlegenden Überlegungen mache ich mir dabei?

1.       Attraktivität der Tour
Egal mit wem man auf Tour geht: je schöner und abwechslungsreicher die Tour, desto motivierter und letztendlich leistungsfähiger sind die Teilnehmer. Das gilt natürlich auch für Kinder. Außerdem wünsche ich mir, dass den Kindern das Bergerlebnis positiv in Erinnerung bleibt. Gewaltmärsche tragen dazu sicher nicht bei. Schon eher das Spielen an Bergbächen und Seen, Weiden mit Tieren, schöne Hütten mit Spielplätzen (natürliche oder angelegte) und leckerem Essen. Damit es den Kindern und den Eltern Spaß macht, plane ich wesentlich mehr Zeit ein, als wenn ich alleine unterwegs bin. Eh klar!IMG_0429

2.       Leistungsfähigkeit/Erfahrung
Natürlich spielt bei der Frage, welche Tour überhaupt möglich ist, die Fitness, der allgemeine gesundheitliche Zustand und der Erfahrungsgrad der einzelnen Gruppenteilnehmer eine entscheidende Rolle. Ich frage also mich und alle Tourenpartner: Wie fit bin ich und meine Familie aktuell und wie fit sind unsere Freunde? Sind sie regelmäßig in den Bergen unterwegs? Machen sie anderen Ausdauersport? Haben sie gesundheitliche Beeinträchtigungen? Wie alt sind die Kinder und wie lange können diese alleine laufen? Wer in der Gruppe kann notfalls die Kinder tragen? Auch direkt vor der Tour, sprich am Parkplatz, sowie während der Tour erkundige ich mich regelmäßig. Leichte Kopfschmerzen beim Losgehen können nach 2 Stunden Aufstieg zu Migräne und starkem Leistungseinbruch führen. Alles schon erlebt. Und das ist dann nicht lustig, wenn’s zur nächsten Hütte noch 4 Stunden Weg sind.P1040033

3.       Beschaffenheit der Wege auf der Tour
Je nachdem wie die Einschätzung der Frage Nr.2 in der Planungsphase ausfällt, kann ich mir auch Gedanken über den Schwierigkeitsgrad (dazu zählt auch Nr. 4) der Tour machen. Sollen die Kinder möglichst viel Strecke selber bewältigen können, vermeide ich anspruchsvolle Steige (z.B. felsig mit großen Stufen oder Absturzgefahren). Aber auch wenn wir die Kinder die meiste Zeit in der Kraxe (Kindertragerucksack) tragen, sollte das Niveau der Tour natürlich deutlich unter dem liegen, was ich normalerweise, alleine gehen würde. Gleichzeitig langweilen Kinder ewig lange und monotone Forststraßen durch den Wald schnell. Mich übrigens aus! Die richtige Mischung macht’s…

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4.       Länge der Tour/Etappen
Auch bei der Wahl der Länge und der zu bewältigenden Höhenmeter gilt für mich mit Kindern der Grundsatz einer defensiven Planung. Generell muss ich wesentlich mehr und längere Pausen einplanen. Sollen die Kinder selbst laufen, dauert es noch viel länger (siehe auch Nr. 2 und 3). Als Faustformel für den einzelnen, geübten Bergsteiger gilt: 300-400 Höhenmeter pro Stunde (bergauf) und 4-5km pro Stunde (in der Geraden). Habe ich zum Beispiel als Ziel 1200hm Höhe und 12km Strecke vor mir, dann wähle ich den größeren Zeitwert von beiden (3-4 Stunden für 1200hm und 2,5-3 Stunden für 12km). In diesem Fall den der Höhenmeter und rechne die Hälfte des anderen Wertes (in diesem Fall der Strecke) hinzu. Sprich 3-4 Stunden (Aufstieg) plus die Hälfte von 2,5-3 Stunden (Strecke). Ergibt 4,25 bis 5,5 Stunden insgesamt für die Tour. Mit den Kindern plane ich zurzeit meist pauschal die doppelte Zeit ein. Damit kommen wir in der Regel gut hin und haben noch etwas Puffer. (Ihr seht schon, 1200hm und 12km sind für den Normalbergsteiger mit Kindern nicht unbedingt ratsam.)IMG_3507

5.       Wetter
Zentral für die Planung und Durchführung von Bergtouren sind selbstverständlich die Wetterbedingungen. Wer schon mal in ein Gewitter in den Bergen geraten ist oder sich blind durch dichten Nebel tasten musste, weiß wovon ich rede. D.h. für die Planung gilt es die Wettervorhersage im Auge zu behalten und auch während der Tour sowohl Prognose als auch sichtbares Wetter (Wolkenbildung, Wind, Nebel usw.) zu beobachten. Näher auf Wetterkunde einzugehen würde den Rahmen des Beitrags endgültig sprengen. Für die Ostalpen kann ich den Wetterbericht vom Alpenverein, von der ZAMG, vom ORF und Südtirol empfehlen. Natürlich gibt es auch diverse Wetter-Apps.IMG_0435

 

6.       Gepäck
Gepäck spielt beim Bergsteigen fast immer eine wichtige Rolle. Was ist sicherheitsrelevant? Was muss ich dabei haben? Ebenso wichtig: Was kann ich zuhause lassen, damit der Rucksack nicht zu schwer wird? Ein zu schwerer Rucksack kann ebenfalls sicherheitsrelevant werden. Entkräftet mich das Gewicht zu schnell, kann auch eine gefährliche Situation daraus entstehen. Schaffe ich meine Etappenziele? Habe ich noch Kraftreserven im Notfall? Aber auch: habe ich genügend zu trinken und essen dabei? Trockene warme Wechselkleidung? Wollen wir biwakieren, zelten, auf eine Selbstversorgerhütte oder auf bewirtschaftete Hütten? Kann ich mich unterwegs mit Trinkwasser und Lebensmittel versorgen? All das sollte ich bei der Planung berücksichtigen. In der Regel neigt man aber dazu viel zu viel nutzloses Zeug den Berg hoch zu schleppen. Auch hier gilt die Lebensweisheit: weniger ist mehr!  (Siehe auch Nr. 8: Ausrüstung)P1050235

7.       Rucksack, Kraxe oder Babytragegurt
Bergsteigen mit Kindern macht die Gepäckfrage (Nr. 6) noch etwas komplizierter. Auf längeren Bergtouren kann ich bei unseren kleinen Kindern (im Moment 3-4 Jahre) nicht davon ausgehen, dass sie alles selber laufen können. Damit es für sie nicht zur Qual wird, aber auch aus Sicherheitsgründen, habe ich gerne immer eine Kraxe für jedes Kind dabei. Die hat den Vorteil, dass ich das Kind länger tragen kann und gleichzeitig aber noch etwas Gepäck mit einpacken kann (Nachteil bei Tragegurtsystemen). In unserem Fall heißt das als Grundgewicht: Kind mit 14 Kilo + Kraxe mit 2 Kilo = 16 Kilo Ausgangslage. Dazu kommt alles, was ich sonst noch so brauche. Will ich mich auf mehrtägigen Touren selbstversorgen, wird es schon sehr schwierig, alles Nötige zu transportieren. Als wir letzten Sommer eine Nacht auf einer Selbstversorgerhütte im Wilden Kaiser mit den Kindern verbrachten, wog meine Kraxe mit Kind ca. 25 Kilo (Kinder hatten da vielleicht 8 Kilo gewogen). Das war schon sehr anstrengend bei 900hm Aufstieg. Dafür waren das Hütten- und Bergerlebnis, sowie das Glas Rotwein am Abend bei Sonnenuntergang grandios.20150721_203814

8.       Ausrüstung: (angelehnt an Empfehlung vom Alpenverein)

  • Bergschuhe (auch für die Kinder, falls sie länger selber laufen und es nicht nur Forststraßen sind)
  • Rucksack/Kraxe mit Regen- und Sonnenschutz (können die Kinder schon sicher alles selbst laufen, kann auf Kraxe verzichtet werden)
  • Wetter-/Regenschutz! (Regenjacke, -hose für Alle)
  • Sonnenschutz! (Brille, Hut, Creme, Lippenstift)
  • Unzerbr. Trink-/Thermoflasche
  • Stirnlampe/Taschenlampe
  • Erste-Hilfe-Set
  • Handy mit genügend Akkuleistung (Akkuleistung für den Notfall aufheben und nicht für Facebookposts verbrauchen)
  • Biwaksack (einer pro zwei Personen)
  • Karte oder GPS (falls man damit umgehen kann!)
  • Führer, d.h. Buch mit detaillierter Tourenbeschreibung (falls vorhanden)
  • Teleskopstöcke (besonders wichtig bergab und wenn man eine schwere Kraxe trägt!!!)
  • Hüttenschlafsack (bei Übernachtung auf AV-Hütten)

Speziell mit Kindern:

  • extra mehr Getränke und Lebensmittel einpacken (auch was zum Naschen;)
  • spezielle Sonnen- und Windschutzcreme
  • leichte (!) Bücher, die in der Kraxe und auf den Hütten gelesen werden können
  • Ein kleines leichtes Lieblingsspielzeug
  • Medikamente speziell für Kinder
  • Bei Babys natürlich Windeln, Feuchttücher, Schnuller, Fläschchen, Brei und was man halt sonst so braucht.

Ich hab hoffentlich nix Wesentliches vergessen! Ihr auch nicht? Checkliste als PDFIMG_3889

9.       Planungshilfen
Sehr hilfreich finde ich das Tourenplanungstool auf www.alpenvereinaktiv.de. Ich kann mir jeweils die Wegstrecken zwischen verschiedenen Tourenzielen (z.B. Schutzhütten) anzeigen lassen und erfahre sofort, wie viel Zeit man (einzelner, geübter Bergsteiger!) braucht, wie viele Höhenmeter und Kilometer zu bewältigen wären. Natürlich kann man auch einfach nach schon beschriebenen Touren suchen (dafür gibt es viele Bücher und Tourenportale im Internet). Aber die individuelle Tourenplanung macht mir persönlich mehr Spaß.

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Was kam raus bei meiner Planung: Wir haben vier Tage in den Niederen Tauern (Salzburger Land) geplant und drei Tage im Steinernen Meer (Berchtesgadener Land) – Berichte folgen…

2 thoughts on “Bergsteigen mit Kindern (Planung)

  1. noraspatz

    Öh mein Kind wiegt mich seinen 10 Monaten jetzt schon 10,5 kg… Aber ich will auch sowas machen! Supertoll! Ich gerade wie immer ins Schwärmen, wenn ich auf deiner Seite stöbere!

    Liked by 1 person

    1. esther

      liebe nora…ich weiss.kein zuckerschlecken das kraxetragen.und oft sind es bei uns und unseren hüttentouren ja auch nicht nur 15kg kleinkind, sondern natürlich noch gepäck für 2-3 Tage hüttenübernachtung.aber lass dir sagen, es ist tatsächlich auch übungssache(und bei mir kopfsache).und ich freue mich wahrhaftig wenn unsere bald gar nicht mehr rein kommen.meist laufen sie jetzt eh alles selber, aber für ausgesetztere strecken oder engpässe haben wir die kraxen dabei.und wir finden es lohnt sich auch mit mittlerweile schweren kindern da hoch zu steigen und atemberaubende schönheiten zu geniessen.kinder früh ans bergsteigen ranzuführen bringt glaub ich sehr viel.deswegen: auf gehts! 🙂
      liebe grüße
      esther*

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