Familiensurftrip oder “Sport ist Mord”

[English Version]

4:16 Uhr. Reizhusten und stechende Schmerzen in der Brust haben mich aufgeweckt. Ich stehe auf, nehme nochmal 50mg Diclofenac und 30 Tropfen Metamizol gegen die Schmerzen und 30 Tropfen Dihydrocodeinthiocyanat gegen den Husten. Auf das Diazepam, das mir der Arzt zum Schlafen verschrieben hatte, hatte ich nach zwei Nächten zum ersten Mal wieder verzichtet, weil ich davon morgens jedes Mal so extrem platt war. „Sport ist Mord, sagte mal eine bekannte Persönlichkeit, die morgens den Tag mit Sekt begann“ schrieb mir ein freundschaftlich verbundener Wissenschaftsjournalist augenzwinkernd, mit dem ich gestern eigentlich einen Interviewtermin beim Radio gehabt hätte, den ich aber wegen meiner aus dem Urlaub mitgebrachten Leiden kurzfristig absagen musste.

Die Frage ob sich das gelohnt hat? Jein! 60% Ja. 40% Nein. Aktueller Wert.

Worum geht’s eigentlich? Es geht um unseren Familien-Surfurlaub in Frankreich, Lacanau, Atlantik. Sandstrand soweit das Auge reicht, Sonne, jeden Tage Wellen, mal mehr, mal weniger. 1500km Anfahrt. One Way. 4 Tage An- und Abreise, 7 Tage vor Ort. Esther, die Kinder, ich und eine befreundete Familie. Es geht für mich, wie immer in letzter Zeit, um Vereinbarkeit, von Beruf, Familie und Freizeit. Es geht um meine Bedürfnisse, die meiner Familie, die Notwendigkeiten des Geldverdienens und was man dafür in Kauf nimmt.

4:41 Uhr. Die Medikamente scheinen zu wirken. Dann leg ich mich mal lieber wieder hin. Fortsetzung folgt…

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Zweieinhalb Tage später, mit etwas Abstand, kaum noch Schmerzen und stark reduzierter Medikation, würde ich das Thema Vereinbarkeit gerne aus anderer Perspektive beginnen. Strandurlaub mit Kindern, wohl jeden Alters, ist super gut zu machen! Keine Neuigkeit und wenig überraschend, da wohl fast alle Kinder eine Vorliebe für Sand und Wasser haben. Am Atlantik hat man sogar noch Wellen dazu, das macht dann besonders den schon größeren Kindern (inkl. Eltern) Spaß. Sich im Naturwellenbad mal durchspülen lassen. Mit dem Body- oder Surfboard mal eine Welle erwischen. Wer’s etwas sophisticated haben will, kann’s auch mit SUP (Stand Up Paddeling) oder Kite probieren.

Aber auch die Kleinen kommen auf ihre Kosten. Bei Ebbe bilden sich kleine Bächlein und seichte Rücklaufbecken die sich erfreulich schnell aufwärmen und ohne große Gefahren als Wasserspielplatz dienen. Muscheln sammeln, Burgen bauen oder Sandkuchen backen. Langeweile kommt bei den Kids nicht auf. Klar, Sonne und Gezeiten, da müssen wir Eltern auch etwas Achtsamkeit an den Tag legen. Aber ich fand das vergleichsweise easy, übersichtlich und entspannt. Regelmäßig eincremen, UV-Shirts, Sonnenhüte und rechtzeitig vor der Flut wieder auf den sicheren Strandabschnitt. That’s it!

Das Thema Vereinbarkeit spielt eher eine Rolle, wenn es um die verhältnismäßig lange Anreise, bei verhältnismäßig knappen Zeitressourcen geht. Ökologie? Finden wir vertretbar, auch wenn zuhause bleiben oder mit dem Fahrrad fahren die Umwelt weniger belasten würde. Ökonomie? Diesel ist zurzeit ja recht günstig zu haben; Autobahngebühren habe ich noch nicht zusammengerechnet. Geht schon! Lange Fahrt? Ich fahre gerne nachts und mit unserem Bus geht das ziemlich stressfrei. Einfach an einer Raststätte oder einem Parkplatz am See stehenbleiben, ins gemachte Bett legen, am nächsten Morgen Croissants und Kaffee, und weiterfahren, stets nach dem Motto, „der Weg ist das Ziel.“ Auf dem Weg haben wir nicht nur Freunde in Bern besucht, sondern auch ganz wunderbare neue Orte für uns entdeckt. Den Monte Blanc Gletscher bei Chamonix. Die Schlösser in der Dordogne und die Gegend um das kleine Örtchen Les Eyzies-de-Tayac-Sireuil. Eindrücke, die das bloße Stranderlebnis ergänzen und den Urlaub definitiv bereichern.

Am Ziel angekommen spielt Vereinbarkeit auch eine Rolle, inwiefern wir als Familie bzw. Familienduo ausgewogene Kinderbetreuungszeiten und alone-in-the-wave-Zeiten austarieren. Nur am Strand liegen ist mir persönlich definitiv zu langweilig. Sandburgen, -städte oder einfach –wälle bauen macht mir total Spaß, erfüllt mich aber auch nicht gänzlich. Wellenreiten erschien mir hingegen sehr reizvoll. Vor vielen Jahren, ich denke es sind tatsächlich schon 16, war ich mit meinen Jugendfreunden mal in Spanien, Portugal und Frankreich beim „Surfen“. Verrückte, lustige und exzessive Zeiten damals. Wir nannten es intern „Therapiegruppenausflug“. Nicht unbegründet, aber das wäre eine andere Geschichte. Auf’s Brett bin ich schon damals nicht so wirklich gekommen, aber wir hatten trotzdem viel Spaß. Dieses Frühjahr war ich mit Fabian auf einer Splitboardtour im Zillertal. Er ist ein recht guter Surfer, finde ich, und erzählte mir von seinen Plänen, Familien-Surfurlaub an der französischen Atlantikküste zu machen. So entschied ich spontan, auf über 3300m, im Schnee und bei beißendem Wind am Gipfel: Surfurlaub hört sich richtig gut an. Esther war auch sofort von Sonne und Strand begeistert. Der Plan stand. Die Erfahrung aus früheren Kletterurlauben zeigt auch, dass zwei Familien mit demselben sportlichen Interesse sich äußerst gut dafür eignen, die abwechselnde Kinderbetreuung und den Sport zu vereinbaren. Und das hat auch in diesem Urlaub gut geklappt.

Last but not least bleibt noch die Vereinbarkeit von Urlaub und Berufsleben, im weitesten Sinne. Anders gesagt geht es auch um das Verhältnis zum eigenen Körper, den Erwartungen an den Urlaub und den Erholungseffekt, der Vereinbarkeit von persönlichen Zielen und der Gesundheit.

Processed with VSCO with a6 presetWo wir wieder am Anfang des Beitrags wären. Ich kam doch recht lädiert wieder nach Hause und musste mich erst mal einige Tage krankschreiben lassen. Gleich am zweiten Tag des Urlaubs habe ich mich mit meinem Brett in die Wellen geworfen und es da wohl gleich mal ordentlich übertrieben. Schon am nächsten Morgen spürte ich das Stechen zwischen meinen Rippen in der Brust. Das war um kurz nach 6 Uhr, auf dem Weg zum Strand und nächsten versuchten Wellenritt. Danach war’s amtlich: Die Schmerzen in der Brust wurden vom Unbehagen zum echten Problem. Atmen, Schlafen, Kinder heben. Alles wurde schmerzhaft. Hinzu kam eine Erkältung oder Grippe (bekomme ich zu 97% in jedem Urlaub, sobald das berufliche Stressniveau wegfällt). Husten… purer Schmerz! Was tun also? Da hilft nur schonen! Ja, aber… das war für mich in dieser Situation keine Option. Also half anfangs nur Zähne zusammenbeißen und als das nichts mehr half, Schmerzmittel. Damit konnte ich zwar auch nicht mehr uneingeschränkt agieren, aber hatte immerhin noch einen ziemlich aktiven Urlaub. Richtig oder falsch? Raubbau am eigenen Körper? Unvernünftig und Unverantwortungsvoll? Ja! Und trotzdem würde ich sagen, hat sich zu 97% gelohnt. Schonen fühlt sich einfach nicht so lebendig an. Leiden schafft Freude! Das sage ich als leidenschaftlicher Bergsportler bisher noch mit Überzeugung! Fortsetzung folgt…

5 thoughts on “Familiensurftrip oder “Sport ist Mord”

  1. Eva

    ich finde es großartig, dass ihr nun beide schreibt. ich finde es persönlich sehr schwierig zu bloggen, weil man als bloggende mama sofort in der schublade steckt. ach ja, wieder so ein mama-blog. is ja niedlich, die schreibt jetzt also auch. scheint ja sonst nix zu tun zu haben. und so was kommt oftmals von männern wie frauen. das nervt mich, weil mamablogs ja qualitativ total unterschiedlich sind und eben nicht in eine schublade passen – was esthers blog bisher ja schon erfolgreich bewiesen hat. so ein support von deiner seite, christian, gibt dem ganzen jetzt rückendeckung der besonderen art. was du schreibst, ergänzt esthers welt, weil es noch mal eine andere seite von euch aufzeigt. weil du themen wie vereinbarkeit ansprichst, die bei einem leben, wie ihr es führt, eben verdammt elementar sind, damit es klappen kann. und das ist so wichtig, um zu verstehen, dass hinter allem, was schön ist, auch verdammt viel gemeinsame arbeit steckt. auch arbeit an einem selbst. das mag zwar deeper shit sein, gibt aber wesentlich mehr her als ein rezeptblog. ich bin gespannt drauf, wie es hier weiter geht. und als passsionierter bayer und kraxler freu ich mich ganz besonders auch auf die bevorstehenden abenteuergeschichten. grüße in den chiemgau! eva

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    1. esther

      liebe eva.ein ganz besonderen dank an dich für deine ermutigenen und aufbauenenden worte.und es stimmt so was du sagst.schnell wird gedacht ‘urgggh.noch so ein blog’ und doch haben wir doch alle was anderes weiter zu geben und zu teilen.eben weil wir alle eine einzigartige geschichte haben und tragen.und für uns ist das thema vereinbarkeit sehr relevant.eben wie du schon erkannt hast, aus mehreren guten gründen.ich denke zwar auch, dass dies thema vieler familien ist, aber vielleicht machen es viele nicht so zum thema und es fliesst so nebenher in der familiendynamik mit.ich bin auch gespannt wie es hier weiter geht, mit christian als mit/co author.es fühlt sich schon jetzt vollständiger und auch authentischer an.eben nicht nur eine sicht zu zeigen …und unsere sichten variieren und unterscheiden sich in mehreren aspekten, hihi 😉 liebe grüße an euch nach berlin.esther*

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  2. klara

    hallo, toller post!
    interessant wäre für mich auch eine führung durch euren bus. den habt ihr doch selbst ausgebaut, ich denke da kann man sich einiges abgucken. gerade bei solch langen strecken, ist ein schlafplatz direkt im auto ja stets willkommen 🙂
    btw. in welchem berufsfeld bist du tätig, christian?
    viele grüße und weiter so 🙂 k.

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    1. esther

      Hallo Klara,
      vielen Dank für die positive Rückmeldung.
      Wir haben einen einfachen VW-Transporter mit langem Radstand. Mein Schwiegervater hat mir einen einfachen, flexiblen Camping-Einbau aus Holz gebaut.
      Er besteht letztlich aus 7 Holzplatten. 4 davon kann man senkrecht zusammenstecken und erhält dadurch eine Unterkonstruktion mit 9 Fächern. Auf diese legt man 3 weitere waagrechte Platten, auf die dann die Matratze gelegt werden kann.
      Die Platten haben Einkerbungen und Leisten die ineinander einrasten und dadurch nicht rumrutschen. Das Ganze kann man in 15 Min. ein- und ausbauen. Flach aufeinander gestapelt nehmen die Platten auch kaum Platz weg.
      Ist ziemlich simpel, aber funktioniert super!
      Ich bin Sozialpädagoge und Geschäftsführer von einem kleinen gemeinützigen Verein, sprich kein großer Techniker 😉

      Viele Grüße,
      Christian

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      1. klara

        danke danke. ich versuche meiner fantasie freien lauf zu lassen, um eine ähnliche kostruktion zu bauen. und dabei habe ich beim beruf wenigstens auf techniker getippt, schon allein des tollen hauses wegen. gerade als sozpäd ist die vereinbarkeit von familie und beruf wichtig und bestimmt nicht immer einfach. schönes wochenende k.

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